Demokratie, Kanton, du und ich: Was hält uns zusammen?
Meret Lory, 28. September 2026
Die Sound-Collage in der Ausstellung Macht und Heimat: Föderalismus in der Schweiz und anderswo im Polit-Forum Bern lädt ein, darüber nachzudenken, was Zugehörigkeit ausmacht. Mit Stimmen aus der Bevölkerung zeigt sie die Vielfalt der Schweizer Identitäten auf. Wo und was ist Heimat?
Was macht die Schweiz zur Schweiz? Ist es die direkte Demokratie, sind es die verschiedenen Kantone und Gemeinden, die Sprachen und Dialekte – oder die Menschen mit ihren persönlichen Geschichten? Sie alle und noch vieles mehr!
Spiegel der Gesellschaft
Die Schweiz besteht aus Bund, Kantonen, Gemeinden… und einer Vielzahl an verschiedenen Menschen, die im föderalen System leben. In der Sound-Collage in der Ausstellung Macht und Heimat: Föderalismus in der Schweiz und anderswo im Polit-Forum Bern berichten Stimmen aus der Bevölkerung von «ihrer Schweiz». Sie erzählen davon, was sie mit Heimat verbinden und wo sie sich zugehörig fühlen: Sprachen, Dialekte, Essen, föderale Struktur oder direkte Demokratie …
Vielfalt als Weggeber
Die Schweiz ist ein föderaler Staat. Doch der Föderalismus in der Schweiz ist weit mehr als eine politische Organisationsform. Er spiegelt die gesellschaftliche Vielfalt der Schweiz wider. Die vier Landessprachen, unterschiedliche kulturelle Traditionen, regionale Eigenheiten und verschiedene Lebensweisen prägen das Land bis heute. Was im Bergkanton Graubünden sinnvoll ist, muss nicht automatisch auch für das internationale Genf passend sein.
Viele Kantone pflegten eigene Traditionen, hatten unterschiedliche Konfessionen, sprachen verschiedene Sprachen. Der Föderalismus schuf einen Rahmen, in dem diese Vielfalt erhalten bleiben und gleichzeitig ein gemeinsamer Staat entstehen konnte. Dies gilt bis heute: In Bern z.B. wird am Zibelemärit bereits frühmorgens gefeiert und Zwiebelkuchen gegessen, während in Zürich beim Sechseläuten ein brennender Schneemann den kommenden Sommer prophezeit. Kantone und Gemeinden sind mehr als Verwaltungseinheiten. Sie sind politische Körperschaften mit eigenen Institutionen und zugleich Orte regionaler Identität. Menschen fühlen sich oft nicht nur als Schweizerinnen und Schweizer, sondern auch als Tessiner, Waadtländerin, Berner oder Genferin.
Über Gemeinschaft und Gesellschaft
Gemäss Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) entsteht eine Gesellschaft dann, wenn unterschiedliche Gemeinschaften einen gemeinsamen politischen und rechtlichen Rahmen akzeptieren und gemeinsam leben. Er unterscheidet somit zwischen den zwei grundlegenden Formen des sozialen Zusammenlebens: der Gemeinschaft und der Gesellschaft.
Gemeinschaft bezeichnet eine soziale Verbindung, die auf persönlicher Nähe und Zugehörigkeit beruht. Menschen fühlen sich als Teil einer Gemeinschaft, weil sie etwas miteinander teilen, zum Beispiel eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Religion, Werte und Normen oder eine räumliche Nähe, wie dies in einem Dorf oder einem Quartier der Fall sein kann. Emotionale Verbundenheit und gegenseitiges Vertrauen sind weitere Faktoren, die eine Gemeinschaft ausmachen. Ein Beispiel ist auch die Familie.
Gesellschaft hingegen ist zweckorientiert und richtet sich nach formalen Regeln. Beispiele für eine Gesellschaft sind Märkte oder Staaten. Klare Strukturen regeln z.B. die Arbeitsteilung, wirtschaftliche Beziehungen, Gesetze, soziale Rollen und Organisationen; alles wohl aber nach gemeinsamen Werten. Hierbei handelt es sich um Idealtypen, die das Zusammenleben beschreiben. In der Realität besteht das Zusammenleben aus einer Mischform zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft.
So bildet die Schweiz als Staat eine Gesellschaft mit dem Föderalismus als eine politische Organisationsform. Schaut man aber genauer hin, sind Gemeinden, Täler, Städte, Sprachregionen eine Vielzahl unterschiedlicher, sich teils überschneidender Gemeinschaften.
Über Einheit und Vielfalt
Föderale Staaten entstehen häufig aus vormals eigenständigen, aber unterschiedlichen Gesellschaften, oder in Ländern, in denen Regionen aufgrund ethnischer, kultureller, sprachlicher oder religiöser Unterschiede eigene Autonomieansprüche gegenüber einer Zentralregierung geltend machen. Der Föderalismus ermöglicht es, regionale Eigenständigkeit zu bewahren und gleichzeitig nationale Aufgaben gemeinsam zu lösen (vgl. Linder, Schweizerischer Föderalismus).
Der Föderalismus trägt dieser Mehrfachzugehörigkeit Rechnung. Gerade weil die Schweiz gesellschaftlich so vielfältig ist, braucht sie ein politisches System, das Unterschiede aushält. Der Föderalismus ermöglicht es, dass verschiedene Sprachen, Kulturen und Lebensweisen ihren Platz haben und dennoch gemeinsame Entscheidungen für das ganze Land getroffen werden können. Er kann deshalb nicht nur als Staatsmodell angesehen werden, sondern ist vielmehr Ausdruck der Schweizer Gesellschaft. Er verbindet Vielfalt mit Zusammenhalt – und macht deutlich, dass beides möglich ist: Einheit und Vielfalt.
Die Antwort darauf, was die Schweiz zur Schweiz macht, ist ebenso vielfältig wie persönlich. Es gibt nicht die eine Schweiz – es gibt viele. Aktuell 9 Millionen Menschen prägen das Land mit ihren Sprachen, Traditionen und Lebensentwürfen. Was daraus die Schweiz macht, ist eine Gemeinschaft mit demokratischen Werten, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, Unterschiede als Bereicherung zu verstehen. Die Gemeinschaft Schweiz entsteht jeden Tag neu – dort, wo Menschen ihre Geschichten teilen, Unterschiede aushalten und entdecken, was sie verbindet.
Die Ausstellung im Polit-Forum Bern kann noch bis Ende 2026 kostenlos besucht werden.

Zur Autorin
Meret Lory ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der ch Stiftung. Sie hat Mehrsprachige Kommunikation und Fachübersetzen an der ZHAW studiert.
