Politische Bildung in einer komplexen Welt

Alexander Arens, 17. August 2026

Die Befunde des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors 2025 überraschen, wurden doch Trends der letzten Jahre gebrochen. Die Schlüsse der Interkantonalen Fachkonferenz Citoyenneté IFC daraus sind differenziert: Die Vernetzung in der Politischen Bildung soll weiter gestärkt und bisher wenig erreichte, aber relevante Akteure sollen adressiert werden.

Krisen, Kriege und Katastrophen haben das vergangene Jahr geprägt und bereiten gemäss  Sorgenbarometer mehr und mehr Sorge. Dies ist auch der Kontext des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors 2025 des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente DSJ in Zusammenarbeit mit gfs.bern, einer Befragung von fast 2000 Schülerinnen und Schülern von 15 bis 25 Jahren der Sekundarstufe II.

Nun könnte man eine Politikmüdigkeit und einen Rückzug ins Private vermuten: Das Gegenteil ist der Fall. Das politische Interesse ist zuletzt gestiegen. Gut die Hälfte der Befragten gibt an, sich sehr oder eher für Politik zu interessieren. Ein kritischer Einwand, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist, kann hier nicht aufgelöst werden. Wenig erfreulich ist, dass das Interesse in der beruflichen Grundbildung tiefer als in Gymnasien ist. Die Unterschiede zwischen den Schultypen ziehen sich durch.

Weiter wurde lange beobachtet, dass die Häufigkeit, sich über Politik zu informieren, abnimmt. Zuletzt ist diese wieder gestiegen. Anders ausgedrückt: Wenn etwas geschieht, dann kommen die meisten ans Lagerfeuer. Die Informationskanäle sind divers: Neben der Familie und dem Schulunterricht rangieren auch Instagram und TikTok auf den vordersten Plätzen.

Hier tritt ein Paradox auf: Die Sozialen Medien werden zur Informationsbeschaffung stark genutzt, das Vertrauen in sie ist aber sehr gering. Anders die Wissenschaft und staatliche Akteure, allen voran Bundesrat und Kantonsregierungen: Ihnen wird hohes Vertrauen entgegengebracht. Auch dies stimmt positiv, zeigt sich doch in anderen Befragungen, bspw. jener der OECD, dass das Institutionenvertrauen in einzelnen Bevölkerungsgruppen durchaus bröckelt. 

Wenn etwas geschieht, interessieren sich Jugendliche durchaus für Politik und teilen ihre Meinung gern in den Sozialen Medien mit. Aber der Weg zur Urne ist noch lang. Mit dem Film- und Plakatwettbewerb CinéCivic, Gewinner des Föderalismuspreises 2026, werden junge Menschen dazu angeregt, sich politisch zu beteiligen.

Hürden und Hebel

Desinteresse kann ein Grund sein, sich politisch nicht zu engagieren, ebenso wie ein Mangel an Zeit. Dies akzentuiert sich in der beruflichen Grundbildung gegenüber der gymnasialen Maturität. Gleichzeitig kann auch die Hochschwelligkeit von Politik, eingeschlossen einer komplizierten Sprache, eine Hürde darstellen. Die IFC-Mitglieder vermuten, dass junge Menschen das eigene politische Handeln unterschätzen. Diskussionen am Familientisch, das Kaufen oder Vermeiden bestimmter Produkte, das Liken und Teilen von Posts auf den Sozialen Medien: Viele alltägliche Handlungen könnten nicht mit Politik in Verbindung gebracht werden, seien aber politisch.

Andersrum gefragt: Was motiviert junge Menschen, sich politisch zu engagieren? Selbstwirksamkeit, Betroffenheit, genügend Zeit sowie ein leichter Einstieg und passende Angebote – beim DSJ schaffen dies Projekte wie bspw. «Dein Kanton, deine Idee», Euses Züri oder der Jugendpolittag – können das Engagement fördern. Schülerinnen und Schüler von Gymnasien lassen sich eher motivieren als jene in Berufsschulen. Zentral ist die Nähe zur Lebenswelt.

Angebote der Politischen Bildung

Leider ist der Ertrag der Politischen Bildung in der Schule gemäss Schülerinnen und Schülern abnehmend. Vor gut 10 Jahren haben noch eine deutliche Mehrheit angegeben, eher oder sehr viel durch die Politische Bildung in der Schule gelernt zu haben. Mittlerweile sagt die Mehrheit, dass sie eher wenig oder gar nichts gelernt hat. Dies verwundert, scheinen heute doch mehr Angebote zu bestehen, die zudem höchst professionell umgesetzt werden.

Aufschluss könnten die Lehrpersonen liefern, die hier ebenso befragt wurden: Diese geben an, dass der politisch bildende Unterricht stark von ihrem eigenen Engagement abhängt und oft Zeit dafür fehlt. Gleichzeitig sind Unterstützungsangebote sehr erwünscht. Dies könnte dafürsprechen, Angebote zivilgesellschaftlicher, staatlicher oder privater Akteure noch stärker in den Unterricht zu integrieren. 

Was genau könnte mehr gemacht werden, was bisher zu wenig stattfindet? Einerseits werden Besuche ausserschulischer Lernorte – Bundeshaus, Kantonsrat etc. – ebenso wie Diskussionen mit Politikerinnen und Politikern nachgefragt. Vorbild könnten die Exkursionen von Schülerinnnen und Schülern der Sekundarstufe I des Kantons Uri nach Bundesbern sein. Andererseits, und dies ist besonders interessant, wünschen sich junge Menschen praktische Anleitungen zum Ausfüllen von Wahl- und Stimmcouverts sowie von Wahlhilfen. Der DSJ verweist hier auf easyvote und easyvote-school. Insgesamt wird klar: Junge Menschen wünschen sich mehr Abwechslung im Unterricht, vor allem durch Ausflüge und mittels externer Personen, mehr Zeit für und eine frühere Behandlung von Politik.

Das Projekt easyvote hat sich zum Ziel gesetzt, Abstimmungsvorlagen verständlich zu machen und die Menschen dazu zu motivieren, sich für Politik zu interessieren.

Was folgt daraus?

Die Mitglieder der IFC haben sich zuletzt mit der Mediennutzung junger Menschen beschäftigt, die in vorliegender Studie ebenso abgefragt wurde. Die bisherigen Überlegungen der IFC werden bestätigt: Zwar sind junge Menschen stark im digitalen Raum unterwegs. Gleichzeitig stossen (staatliche) Informationen vor allem dann auf Resonanz, wenn sie junge Menschen direkt, bspw. postalisch, adressieren. Dies funktioniert bei Jugendkommissionen ebenso wie bei spezifischen Projekten. 

Im Weiteren ziehen die IFC-Mitglieder aus den Befunden des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors 2025, dass die Vernetzung zwischen der schulischen Politischen Bildung und ausserschulischen Angeboten ein zentrales Handlungsfeld bleibt. Es besteht eine breite Palette an ausserschulischen Angeboten, die viel Dynamik und Professionalität aufweisen und noch dazu oftmals auch in Schulen einsetzbar sind.

Zuletzt werfen die Unterschiede zwischen der gymnasialen und der beruflichen Bildung auch ein Schlaglicht auf die Betriebe. Diese sind ein relevanter Akteur, finden in den Debatten aber nur selten Erwähnung. Projekte wie Unternehmen für Demokratie von Pro Futuris, die engage-Ateliers des DSJ oder Diskussionsformate von Discuss it in enger Kooperation mit verschiedenen Kantonen, hier gerade auch Berufsschulen, könnten Vorbilder sein. Bei der Rolle von Betrieben in der Politischen Bildung sei zudem auch die Erwachsenenbildung mitgedacht.

Infobox

Der Text entstand im Nachgang zum Workshop «Junge Menschen: Politisiert, entpolitisiert und jetzt wieder repolitisiert? Ausser-/Schulische PB in einer (zu) komplexen Welt.» im Rahmen der Mitgliederversammlung der Interkantonalen Fachkonferenz Citoyenneté IFC am 5. Mai im Haus der Kantone in Bern. Cloé Jans (bis Ende Juni gfs.bern) präsentierte die zentralen Befunde des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors 2025. Julia Kopf, Fiona Maran und Marisa Fleisch vom Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ vertieften die Befunde in Gruppenarbeiten. Im Text werden Befunde aus dem Schweizer Jugend- und Demokratiemonitor 2025 ebenso wie Voten im Rahmen der Gruppen- und Plenumsdiskussionen wiedergegeben.

Zum Autor

Alexander Arens ist Verantwortlicher Gremien und Föderalismusprojekte bei der ch Stiftung. Er hat am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern promoviert.

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